13.11.2008
Ein Gebäude für die Zukunft
Das neue, zehnstöckige Verwaltungsgebäude der Europäischen Investitionsbank (EIB) auf dem Luxemburger Kirchbergplateau erweitert den schon bestehenden Gebäudekomplex des britischen Architekten Sir Denys Lasdun. Zwischen dem Boulevard Konrad Adenauer und dem Val des Bons Malades gelegen, bietet das so genannte „Ostgebäude“ 72.500 Quadratmeter Bürofläche für bis zu 750 Beschäftigte und trägt so dem steigenden Raumbedarf des (nach eigenen Angaben) größten öffentlichen Kreditgebers der Welt Rechnung. Schon Ende der 1990er Jahre war der zusätzliche Raumbedarf für die aufgrund der EU-Erweiterungen im Jahr 2010 voraussichtlich insgesamt 1850 Mitarbeiter absehbar. Der Verwaltungsrat der EIB initiierte daraufhin einen internationalen ausgelobten Architektenwettbewerb, den Ingenhoven Architekten für sich entscheiden konnten. Das Düsseldorfer Architekturbüro begeisterte die Jury unter dem Vorsitz von Ricardo Bofill mit einem sowohl architektonisch wie ökologisch überzeugenden Konzept: Das Gebäude trägt mit seiner geraden Fassade zur Straße hin zur Verdichtung der Straßenlandschaft bei, wie es der städtebauliche Masterplan Ricardo Bofills für das Kirchbergplateau vorsieht, und nimmt mit seiner geschwungenen Rückfassade die Topographie des Tals auf. Für die Tragwerksplanung war das Büro Werner Sobek zuständig; Fassadenplanung und Bauphysik sind durch das Büro DS-Plan erfolgt.
Transparenter Brandschutz
Ein gewölbtes Glasdach überspannt das gesamte 170 Meter lange, 50 Meter breite und 22 Meter hohe Bauwerk. Die W-förmig darunter angelegte Gebäudestruktur ermöglicht eine gleichwertige Anordnung der Büroräume über den gesamten Entwurf hinweg – sie sind alle natürlich belichtet und haben Außenbezug. Der einzigartige Architekturentwurf weist gleichzeitig Besonderheiten von brandschutztechnischer Relevanz auf, für die das Büro BPK Brandschutz Planung Klingsch GmbH, Düsseldorf, aufeinander abgestimmte Lösungen entwickelte. Wegen des besonderen Gefahrenpotentials sowie der deutlich von den derzeitigen bauordnungsrechtlichen Bestimmungen abweichenden Gebäudegeometrie war aufwendige Anlagentechnik zur Sicherung des baulichen Brandschutzes vonnöten. Das realisierte Brandschutzkonzept bündelt risikoangepasst bauliche, anlagentechnische und organisatorische Maßnahmen, deren uneingeschränktes Ineinandergreifen in einer gewerkeübergreifenden Steuermatrix gesichert ist. Die von Architekten und Bauherrn angestrebte Transparenz konnte durch die Verwendung spezieller Brandschutzgläser auch über einzelne Brandschutzabschnitte hinweg beibehalten werden. So wurden die notwendigen Flure vor den Treppenräume in den drei Ebenen oberhalb der Atrien in EI 30 verglast, um die Sicht in die Atrien frei zu geben und auch den Lichteinfall in die Meeting Zonen zu ermöglichen. Die Rettungswegführung aus den Treppenräumen ins Freie erfolgt durch Treppenraumerweiterungen, welche ebenfalls eine EI 30 Verglasung zu den Atrien besitzen. In diesen Bereichen kam „Schott Pyranova®“ zum Einsatz. Das kompakte Mehrscheiben-Verbundglas schützt in Brandschutzverglasungen der Feuerwiderstandsklasse EI (F) zuverlässig vor dem Durchgang von Feuer, heißen Gasen, Rauch und Wärmestrahlung. Schott Pyranova®” wurde in diesem Fall als Wärmeschutz-Isolierglas konfektioniert. Die raumhoch ausgeführte Verglasung übernimmt außerdem teilweise absturzsichernde Funktionen.
Differenzierte Fassadenkonstruktionen
Für den Neubau der Europäischen Investmentbank wurden verschiedene Fassadentypen realisiert. Die Hauptfassade besteht aus einem überdimensionalen Tonnengewölbe von rund 14.000 Quadratmeter Fläche. Die Atrien werden dabei bis zu 50 Meter stützenfrei überspannt. Die straßenseitige Südfassade mit einer Fläche von 11.000 Quadratmeter Doppelglas ist 35 Meter hoch und 170 Meter lang. Im Bereich der Warmatrien bilden drei Hightech-Seilfassaden die Gebäudehülle; sie sind an ca. über 46 Meter spannenden Fischbauchträgern aus Stahl so aufgehängt, dass sie sich unter Winddruck bis zu 60 Zentimeter verformen können. Überall dort, wo Büroräume an die Südfassade stoßen, ist sie als zweischalige Konstruktion in Holz-Aluminiumbauweise ausgeführt; bei den innen liegenden Bürofassaden handelt es sich um einschalige Holz-Glasfassaden. Die Fassaden wurden als Komplettleistung von Seele, Gersthofen, in Arbeitsgemeinschaft mit Schindler, Roding, entwickelt, produziert und ausgeführt. Die Detailplanung dieser Konstruktionen war sowohl aus statischer, als auch konstruktiver Sicht sehr anspruchsvoll. Zahlreiche Durchdringungspunkte des Stahltragwerks von warm nach kalt durch die Glasebenen hindurch wurden von DS-Plan, Stuttgart, mit Finite-Elemente-Berechnungen dahingehend optimiert, dass weder zu hohe Energieverluste entstehen, noch die Gefahr von Tauwasserbildung zu fürchten ist.
Ökologisches Gebäudekonzept ...
Das ökologischen Gesamtkonzept basiert auf den zwischen Glashülle und Office-Fassaden entstehenden V-förmigen Atrien: Während die Wintergärten zur Talseite hin ungeheizt sind und als so genannte „Kaltatrien” die Funktion von Klimapuffern haben, dienen die Atrien auf der Boulevard-Seite der Gebäudeerschließung und sind dementsprechend temperiert. Sowohl die Kalt- als auch die Warmatrien können über Klappen in der Glashülle natürlich belüftet werden. Dabei wird nicht nur frische Luft in das Gebäude geführt sondern insbesondere in den Sommermonaten die Erwärmung durch Sonneneinstrahlung verringert.
Beleuchtung, Sonneneinfall und natürliche Belüftung der Büroräume lassen sich individuell regeln, die Fenster zu den Atrien und zur Außenfassade hin können geöffnet werden. Einem verschwenderischen Verhalten wird jedoch vorgebeugt, indem die individuellen Einstellungen mehrmals täglich von einer zentrale Steueranlage auf das effizienteste Niveau zurückgesetzt werden.
... mit Zertifikat. Das neue Gebäude behauptet sich als eigenständiger Bau mit einer ausgeprägten, architektonischen Identität. Architekt und Auftraggeber legten großen Wert auf die Nachhaltigkeit des Bauwerks, mit der Konsequenz, dass der Neubau einer Umweltzertifizierung unterzogen wurde. Er hat folglich nicht nur das begehrte „very good“-Rating nach BREEAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) erhalten, sondern ist auch das erste Bauwerk auf dem europäischen Festland, das nach dieser Methode bewertet wurde.

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