06.11.2009
Tiffany in neuem Licht

Lange Zeit nahm man an, dass die weltbekannten Produkte vom künstlerischen Leiter selbst, Louis Comfort Tiffany entworfen wurden. Umso überraschender waren die aktuellen Forschungen von Martin Eidelberg, Nina Gray und Margaret K. Hofer, den Kuratoren der aktuellen Ausstellung, dass sich hinter Tiffany ein Team von Designerinnen verbarg, denen nun viele erfolgreiche Tiffany-Objekte zugeschrieben werden können.
Im Jahr 2005 entdeckte man die gesammelte Korrespondenz von Clara Driscoll (geb. 1861 in Ohio), der Leiterin der Frauenabteilung für Glasschneiderei der Tiffany Studios. Hunderte von Briefen dokumentieren Driscoll als Designerin vieler typischer Lampenschirme und anderer Tiffany-Objekte. In den Briefen offenbart sich die wichtige Rolle der „Tiffany-Girls”, die unter Driscoll arbeiteten und die für die Auswahl und den Zuschnitt des Glases für Fenster, Mosaike und Lampenschirme zuständig waren. Die meisten Lampenschirme und Mosaikfüße Tiffanys gehen auf die Entwürfe von Driscoll zurück. Ihre Lampe „dragonfly” wurde auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 mit einem Preis ausgezeichnet.
Die gute Zusammenarbeit von Clara Driscoll und Louis C. Tiffany basierte auf gemeinsames Kunstverständnis, sie schätzten schöne Materialien, und waren von Glas als Material mit intensiven Farbgestaltungen fasziniert.
Anhand von mehr als 60 der atemberaubenden Objekte aus den Tiffany Studios, würdigt die Ausstellung in München insbesondere die herausragende Rolle von Clara Driscoll. Die Ausstellung wirft ein völlig neues Licht auf die gestalterische Praxis bei Tiffany, aber auch auf den sozialen Hintergrund der berufstätigen New Yorkerinnen um 1900. Clara Wolcott Driscoll zählt zu den typischen Vertreterinnen der jungen Frauen, die im späten 19. Jahrhundert scharenweise in die Stadt New York strömten, um dort eine solide Anstellung zu erlangen.
Schreibtischzubehör, Kerzenhalter, Pflanzenständer und ähnlich nützliche Gegenstände, die die Tiffany Studios produzierten, wurden unter dem Überbegriff „fancy goods” (Geschenkartikel) vermarktet. Wie aus Clara Driscolls Korrespondenz ersichtlich wird, hatte sie kontinuierlich neue Ideen. Diese kleinen, doch äußerst attraktiven Objets de vertu versorgten die Frauenabteilung für Glasschneiderei zu Zeiten mit Arbeit, in denen sich neue Aufträge für Fenster und größere Mosaike nur spärlich einstellten.
Alice Gouvy und Lillian Palmié, gute Freundinnen und Kolleginnen Clara Driscolls, entwickelten die Designs für die ersten emaillierten Vasen und Gefäße und in Folge auch für die Keramikobjekte. Unter anderem erklärt der enge Zusammenhalt unter den Frauen die Konformität, durch die sich die zahlreichen Produkte der Tiffany Studios trotz der Beteiligung vieler unterschiedlicher Hände und Materialien auszeichneten.
Clara Driscoll verließ die Tiffany Studios im September 1909 kurz vor ihrer Eheschließung mit Edward Booth und beendete damit ihre Karriere als einflussreiche kommerzielle Künstlerin.
Bis heute gilt Louis Comfort Tiffany (1848 – 1933) als der bedeutendste und kreativste Designer für angewandte Kunst in den USA um 1900. Mit seinen eleganten und dekorativen Entwürfen wurde er zu einem der Anführer der amerikanischen Art Nouveau-Bewegung. Ihm gelang die perfekte Kombination von Kunst und Funktionalität. Nach Driscolls Ausscheiden aus der Firma war – möglicherweise zufällig – die Produktivität der Frauenabteilung sowie das Lampengeschäft der Tiffany Studios rückläufig. Dies hatte eine reduzierte Belegschaft zur Folge und daraus resultierend eine begrenzte Anzahl von Lampenschirmen.
Die Ausstellungsobjekte, darunter Lampen, Fenster, Mosaiken, Email- und Keramikobjekte stammen größtenteils aus dem Besitz der New-York Historical Society (N-YHS). Hinzu kommen Leihgaben aus anderen Museen und Privatsammlungen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Dr. Martin Eidelberg, Nina Gray und Margaret K. Hofer.
Die Ausstellung ist bis 17. Jänner 2010, DI – SO von 11 – 18 Uhr geöffnet.
Museum Villa Stuck, München,
www.villastuck.de.
(Redaktion: Helga Högl, z. T. Zitate aus dem Katalog)




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